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Konservative Therapie degenerativer Wirbelsäulenerkrankungen

Bei Wirbelsäulenbeschwerden ist in der überwiegenden Zahl der Fälle eine konservative Therapie möglich. Die konservative Therapie von akuten Wirbelsäulensyndromen verfolgt als primäres Ziel die Schmerzbeseitigung mittels der physikalischen und medikamentösen Therapie.

 

Quelle: Wilcke, A. (2005). Medizinische Grundlagen der Rückenschule (Kap 3 S.1-30). In H.-D.Kempf  (Red.) (2005). Kursleitermappe - Ausbildung zum Rückenschulleiter. Wiesbaden: Forum Gesunder Rücken - Besser Leben

Mehr Information finden Sie auch in

Kempf H-D, Gassen M, Ziegler C.

Schnellhelfer Rückenschmerz.

Reinbek: Rowohlt; 2005

Funktionelle Gesichtspunkte wie eine bessere Beweglichkeit oder eine physiologische Einstellung der Wirbelsäule stehen zunächst im Hintergrund. Folgende konservative therapeutische Maßnahmen haben sich bewährt:

 

  • Entlastung und Ruhigstellung    

Die Ruhigstellung und Entlastung erfolgt in Form von Bettruhe mit Lagerung im Witschi-Kissen (HWS) oder in der Entlastungshaltung (Stufenbettlagerung für die LWS). In der lumbalen Entlastungshaltung ist der intradiscale Druck am geringsten, die Bandscheiben sind entlastet. Dasselbe gilt für die leichte Entlordosierung der HWS im Witschi-Kissen. Diese Form der Therapie wird so kurz wie möglich gehalten.

  • Wärmeanwendungen

Grundsätzlich kann zwischen lokaler und allgemeiner Wärmeanwendung differenziert werden. 

- Lokale Wärme bewirkt eine Hauterwärmung. Bei längerer Anwendung erwärmen sich auch tiefere Gewebsschichten mit der Folge einer Vasodilatation und einer Hyperämie. Der Abbau von Stoffwechselmetaboliten geht beschleunigt vonstatten. Bei chronischen Entzündungsprozessen hat lokale Wärmeapplikation folgende Wirkungen: Erhöhung der Schmerzschwelle; Hyperämiesierung: Verbesserung der trophischen Prozesse, Beschleunigung des Abbaus von Entzündungsmediatoren; Detonisierung der Muskulatur; Bessere Gelenkbeweglichkeit durch Abnahme der Viskosität der Synovialflüssigkeit.

- Bei der Ganzkörperanwendung kommt es zu Tachykardie und Erhöhung der Atemfrequenz sowie zur Senkung des arteriellen Mitteldruckes. Indiziert ist diese Wärmetherapie v.a. bei chronisch-entzündlichen degenerativen Prozessen. Applikationsformen sind lokal Fango, Moor, Wannenbäder, Rotlicht, Heißluftkasten und Diathermie. Allgemein kommen Wannenbäder, Dampfdusche oder Moorbäder zur Anwendung.

  •  Elektrotherapie

Mit Elektrotherapie können Muskelverspannungen gelöst werden, zudem tritt eine analgetische Wirkung ein, eine Hyperämie und Förderung der Resorption sind zu erwarten. In der Anwendung werden unterschieden: Gleichstrom, Nieder- und Mittelfrequente sowie Hochfrequente Stromapplikationen.

  •  Extension

Extensionsbehandlungen an der HWS mit der Glisson-Schlinge oder an der LWS z.B. mit einem motorgetriebenen Gerät sind nicht unumstritten. Therapeutisch werden die folgenden Ziele verfolgt:

- Erweiterung des Foramen intervertebrale zur  Druckentlastung des bedrängten Nerven.

- Erweiterung des Zwischenwirbelraumes: Verlagertes oder vorgewölbtes Bandscheibengewebe kann sich an den ursprünglichen Ort im Bandscheibenzentrum zurückziehen. Die intradiscale Massenverschiebung verlagert sich zurück. Durch Flüssigkeitseinstrom nimmt die Bandscheibe gleichzeitig an Volumen zu.

- Entlastung der Wirbelgelenke

- Dehnung der Muskulatur und des Bandapparates: Durch Lockerung der Muskulatur erfolgt eine Druckreduzierung auf Nerven und Blutgefäße.

  • Passive physikalische Behandlung

Passive physikalische Therapiemaßnahmen sind bei Patienten sehr beliebt, da sie sich dabei „verwöhnen“ lassen. An der Spitze der Popularität steht die Massage. Passive Maßnahmen haben den Nachteil, dass der Patient nicht dazu angeregt wird, eigenverantwortlich aktiv an seiner Genesung mitzuwirken. Sie haben daher in der Therapie akuter Wirbelsäulenerkrankungen immer nur begleitenden Charakter.  Folgende Ziele werden vorrangig verfolgt: Detonisierung der Muskulatur, Senkung der Schmerzschwelle, Beschleunigter Abbau von Entzündungsmediatoren, Förderung reparativer Prozesse.

  • Aktive physikalische Behandlung

Eine Verhaltensänderung, wie sie in der Rückenschule angestrebt wird, bedarf der aktiven Beteiligung des Patienten oder des Rückenschulteilnehmers. Während die Therapie von Patienten in die Hand des Arztes und Krankengymnasten gehört, können funktionelle Einschränkungen wie Muskeldysbalancen, -verkürzungen und -abschwächungen vom Sporttherapeuten angegangen werden.

  • Medikamentöse Behandlung

Bei starken Schmerzen sind analgetische und antiphlogistische Medikamente indiziert. Hier werden bevorzugt nicht-steroidale Antirheumatika (NSA) eingesetzt. Ergänzend dazu werden oftmals muskelrelaxierende Medikamente verabreicht. Wegen ihrer Nebenwirkungen sollten alle

Medikamente so kurz wie möglich, aber in ausreichenden Dosen eingenommen werden. Sowohl bei steroidalen als auch bei nicht-steroidalen Antirheumatika ist immer nach Magenbeschwerden (Gastritis, Ulcera) in der Anamnese zu fragen. Cortison sollte, wenn dann nur in Form epiduraler Injektionen appliziert werden. In extremen Fällen können auch zuweilen zentralwirkende Analgetika indiziert sein.

  • Lokale Injektionsbehandlung

Durch Applikation von Lokalanästhetika sowie antiphlogistischer und abschwellender Mittel am tatsächlichen Ort des Geschehens wird der Versuch unternommen, Einfluss auf die Schmerzsymptomatik zu nehmen.

Therapeutische Lokalanästhesie (TLA): Unter der Vorstellung, dass Lokalanästhetika die Reizschwelle neuraler Strukturen heraufsetzt und ihre Hyperergie reduziert, werden sie lokal an den Ort des Schmerzes i.m. injiziert.

Facetteninfiltration: Injektion des Lokalanästhetikum bei Facettensyndrom in die schmerzhaften Wirbelgelenke. Ein- bis zweimal kann dem Lokalanästhetikum Cortison zugefügt werden.

Nervenwurzelblockade: Umflutung der gereizten Nervenwurzel mit einem lang wirkenden Lokalanästhetikum zur "Desensibilisierung".  Die lokale Injektionstherapie hat sich wegen ihrer Effektivität sehr bewährt und kann den Medikamentenkonsum reduzieren.

Epidurale Injektion: In den Epiduralraum wird eine Cortisonkristallsuspension injiziert. "Vor Ort" wird so die entzündlich geschwollene Nervenwurzel mit dem entzündungshemmenden und abschwellenden Cortison umflutet. Die Schmerzen lassen oft schlagartig nach, da durch das Abschwellen die Nervenwurzeln nicht mehr bedrängt werden. Hier liegt eine viel effektivere Form der Cortisonanwendung vor als bei oraler oder i.m.-Applikation. Eine epidurale Cortisoninjektion (z.B. mit Triamcolon) sollte nur ein- bis zweimal im Rahmen der akuten Schmerzepisode erfolgen. Die epidural-cervicale Injektion muss unter Bildwandlerkontrolle durchgeführt werden. Wesentlich einfacher ist die Injektion im Bereich der LWS, wo sie von dorsal zwischen den Dornfortsätzen oder von sacral her durchgeführt werden kann.

 

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